Geilheit hat einen Namen - Rennsteiglaufmarathon

Mein dritter Sturm der Festung Rennsteig-Marathon - er muss siegreich sein!

Bisher gesamt 7 mal am Start gestanden, davon 5 mal beim HM und 2 mal in Neuhaus beim Marathon (2007 und 2011). Diese zwei Mal hatte ich mein läuferisches Leistungsvermögen und meine geistige Bereitschaft völlig überschätzt.
2013 sollte alles anders werden. Der große Unterschied zu ALLEN vorher gelaufenen Wettkämpfen, war der, dass ich weder in den Vorbereitungswochen noch auf dem Rennsteig selbst auch nur eine Sekunde meiner Gedanken daran verschwendete, dass ich wieder versagen könnte. Selbst als ich Ende März durch eine böse Grippe umgewurfen wurde, brachte mich das nicht aus der Ruhe.
Meine Vorbereitung begann ich diesmal nicht 12 Wochen vorher, da mir die Frankfurt-Marathon-Vorbereitung gezeigt hat, dass ich dann gut 4 Wochen zu früh auf dem Höhepunkt bin. Dieses Mal hat es genau gepasst. Sicher hätte das Training noch intensiver sein können und am Endergebnis hätte eine kleinere Zahl gestanden, aber das ist im Moment absolut irrelevant.
 
Eigentlich wollten wir zu dritt Neufinisher des Rennsteig-Marathons sein. José, Michael und ich (der, der getrieben werden sollte). Leider hat Josés Körper 3 Tage vorher gemeint, er hätte keine Lust auf die Rennsteig-Strapazen. Somit war es Michael vergönnt, die vermeintlich schwere Aufgabe zu erfüllen, mich bis ins Ziel zu schleifen.

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Der Lauf selber? Genau so wie das Profil - Höhen und Tiefen - am Ende ging's dann nur noch bergauf - beim Profil als auch für mich.
 
Was ich an diesem Rennsteig-Marathon so liebe? Es ist ein reiner Genusslauf. 43,5km purer Spaß mit wildfremden Menschen. Nun könnte man sagen, dass die die mit mir ins Ziel kamen ja eh keinen besonderen zeitlichen Anspruch haben und daher genug Zeit und Luft zum Unterhalten haben. Aber den Kritikern/Nörglern/Besserwissern unter euch sei gesagt, dass das da hinten im Feld für die meisten von uns auch kein Wandertag ist. Für uns gibt es auch gute Gründe, warum wir da hinten laufen oder walken. Wir sind älter, haben gesundheitliche Einschränkungen (die aber nicht grundsätzlich am Laufen hindern), uns fehlt aus irgendwelchen Gründen Training und ich bin klein und fett.
Aus Berichten anderer schnellerer Läufer weiß ich auch, dass im Bereich der 4h-Rennsteig-Läufer eine ebensolche spaßige Athmosphäre vorherrscht.

Anders als Anderswo? Die Verpflegung! Bananen und Äpfel wie überall auf der Welt. Zusätzlich werden wir mit Wurstbrot und Haferschleim versorgt. Haferschleim? Ja, dessen Ruf eilt dem Rennsteiglauf voraus. Ab km 11 an jedem VP zu haben. Schmeckt unsäglich gut, gibt Kraft ... und (hab ichs schon erwähnt?) schmeckt unsäglich gut. Warmer Tee (der auch extrem gut schmeckte), Wasser, Vita-Cola uuuuuunnnnnd - jetzt kommt's, passt gut auf: Köstritzer Schwarbier! Ich hatte eigentlich erst am letzten VP in Frauenwald damit gerechnet. Aber als mir Michael am VP "Schwalbenhaupt" (km23) seinen Becher unter die Nase hielt "Riech mal an meinem Tee!", bin ich glatt die 100m zurück und hab mir auch einen solchen Schwarzbier-"Tee" geholt. Ab dort an jedem VP ein gutes Schlückchen und die Welt war in Ordnung...
Richtig böse Probleme hatte ich nur zwischen Neustadt (km30) und dem Dreiherrenstein (km34). Rückenschmerzen plagten mich. Jeder Laufschritt vibrierte in meinem unteren Rücken, dass ich eigentlich nur noch umfallen wollte. Aber es waren nur noch 12km, die ich zur Not auch durchgehen würde. Michael hat mich zu diesem Zeitpunkt verlassen, da es etwas kühler wurde und er anfing zu frieren. Außerdem sollte wenigstens einer von uns unter den 6 Stunden bleiben. Er lief aber nicht ohne mir das Versprechen abzunehmen, im Ziel anzukommen. Wie man weiß, hielt ich mein Versprechen.

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Am Dreiherrenstein habe ich mich für 5 Minuten auf's Dixie verkrochen, eine ausgiebige Notdurft verrichtet um anschließend meinen zweiten Frühling zu erleben (für 4km). Vom VP Dreiherrenstein bis zum VP Frauenwald konnte ich wieder problemlos in den Laufschritt verfallen. Ist mir auf dem Dixie ein Wunderheiler erschienen?
Nur noch 5km! Ein kurzes Telefonat mit Silvio, der nur noch 2km von seinen 73 hat. Wir schaffen es nicht ganz, gemeinsam im Ziel zu landen. Macht nix! Fünf poplige Kilometer für die ich mich sonst nicht mal mehr umziehe. Bis km 40 speedwanderte ich mit 2 Sachsen, die sonst auch weiter vorne zu finden waren, aber diesmal nur spontan teilnahmen - ohne die Komponente Training.
40 Kilometer! Das Ziel ist zu hören. Verabschiedung von den zwei Sachsen. Ich kann nochmal! Wieder in den Laufschritt. Jetzt nicht mehr anhalten! Die Tränen, die bei km 41 zu ersten Mal in der Nase kribbelten, könnten auffallen. Ich überhole. Läufer, die fertig auf der Bereifung sind, nur noch gehen. Ich ziehe singend an jedem vorbei. "Wir haben's gleich geschafft, wir haben's gleich geschafft...". Ernte alberne Bemerkungen "da hat einer Reserven...".

42 Kilometer! Eine einsame Simson S51 am Waldrand. Der Fahrer im Wald, Holz machen. Ich höre seine Kettensäge. Verlockend - nicht die Säge, aber das Moped. Ich lass es, da nichts mehr weh tut.
42,195 Kilometer! Ich passiere die Matte - zum ersten Mal in meinem Leben überquere ich eine Marathon-Zeitmessung! Geil! Tränen - nicht vor Schmerzen!
Ich laufe weiter, nichts hält mich. Vorbei an einigen, die mich irgendwann vorher stehen ließen.
Klatschende Zuschauer, ich sehe die Kurve, die zur Reitallee führt. Nochmal 89!! Höhenmeter auf ca. 800m die Reitallee hinauf zum Sportplatz. "Der letzte Stieg wird nicht gegangen!" klingt es in meinen Ohren. Lächeln! Das fällt mir leicht! Gefühlt Milliarden Zuschauer auf der Reitallee. Und die sind ALLE nur wegen mir hier! NUR WEGEN MIR! Abklatschen mit Wildfremden. Einige scheinen mich zu kennen. "Ist das der Sven? Ja, das ist der Sven!" kenn ich nicht - egal. Schön ist's!
Zurufe, Glückwünsche, Lächeln! Selbst wenn ich wöllte, ich könnte gar nicht aufhören zu laufen. Die Beine werden getrieben - von den Zuschauern, von meinem Kopf, meinem Lächeln, das mir wie ins Gesicht getackert erscheint, von meinem Nasenkribbeln. Ein unsichtbarer Motor. Hab ich grad das Perpetum Mobile erfunden? Kaum Energie im Hause aber der Motor läuft und läuft...
Da oben ist der Berg zu Ende. Kurve zur Stadionumrundung. Silvios Mutter und Tochter erkenne ich. Silvio schreit auch kurz auf und kommt vom Hügel runter. Ich würde gerne anhalten und abklatschen. Kann ich aber nicht - der Motor läuft. Immerhin sind ALLE nur wegen mir hier oben. Noch 300 Meter, lange Meter. Stellenweise schließe ich die Augen und genieße kurz. Noch eine große Kurve, dann sehe ich das Ziel. Der Clown ist kurz vor mir da. Aber der war schon mal viel weiter weg. Ich lächle. Würde gerne vor dem Ziel tanzen. Geht nicht. Der Motor läuft. Da links an der Bande, den erkenne ich auch kurz, Michael, mein langer Begleiter.

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43,5 Kilometer! Ziel! Ich! Kappe runter, vorbeugen, Medailie umgehängt bekommen. Das ist meine! Ein Tee, eine Cola, ein Stück Apfel. Es kribbelt wieder in der Nase. Ich möchte heulen. Ich mache es...

Die letzten 5km habe ich jetzt so beschrieben, wie sie mir grad wieder in den Kopf kamen. Genau so habe ich sie erlebt.
Schmerzen im Nachhinein? Wesentlich weniger als erwartet. Ich freue mich schon wieder auf meinen ersten kleinen Regenerationslauf.
Und wie singt es sich so schön: "... und im nächsten Jahr sind wir alle wieder da..."

Geilheit hat einen Namen - Rennsteig-Lauf.

 

Kommentare

Einfach toll geschrieben, Sven. Diese Berichte, Bilder und Emotionen werden mich im kommenden Jahr evtl. auch nach Thüringen treiben. Mal schauen... ;-)
Noch einmal: Herzlichen Glückwunsch zu diesem Moment!

Eine wirklich schöne Zusammenfassung mit einem tollen Finale! Herzlichen Glückwunsch zu diesem Finish! Eine unglaublich tolle Leistung.

Hallo Sven, ich gratuliere Dir von ganzem Herzen. Deine Empfindungen der letzten 5 km kann ich sehr gut nachempfinden. Ich freue mich sehr für Dich. Ich hätte auch eine Sirene gedrückt, mich selbst gegrüsst und wäre rückwärts heimgelaufen. Herrliche Grüsse. Dieter

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