Gedanken und 6 km Schwimmen

Beim Rennsteiglauf vor vier Wochen dachte ich schon ernsthaft über neue Hobbies nach, während mein Kopf sich sträubte, die Berge im Thüringer Wald weiter erklimmen zu wollen. Ich musste zu dem Zeitpunkt feststellen, dass ich derzeit wirklich ein massives Problem im Kopf habe, was das Überwinden des "Schnauze-voll-Gefühls" angeht. Beim Rennsteiglauf konnte ich mich nach 19 km leider nicht weiter motivieren, obwohl ich mir sicher bin, dass ich es geschafft hätte.
So nahm ich mir die Zeit danach, über meine Ziele und das, was ich dafür bereit bin zu geben, nachzudenken. Den Pfingstmontag nutzte ich dazu, um nochmals meinen Willen zu testen. Ich ging in Dortmund beim Friedenslauf über die HM-Distanz an den Start. Rundenlaufen mag ich ja so gar nicht, da mir dies immer wieder die Möglichkeit gibt, auszusteigen und auf dem kürzesten Weg zum Auto zu kommen. So hatte ich auch beim Friedenslauf 2 oder 3 mal darüber nachgedacht, am Ende der Runde das riesen Starterfeld (70) zu verlassen. Aber irgendwie klappte es, dass ich mir einreden konnte, doch schon viel schwereres durchgestanden zu haben (12h-Lauf, Rennsteigmarathon, Berlin- u. Frankfurt-Marathon innerhalb von vier Wochen...). Ich hielt also durch und kam ins Ziel - standesgemäß als Letzter, was bei 70 Starten kein Wunder war und weitab meiner Bestzeit. Aber darum ging es nicht.
 
Der nächste Versuch, die negativen Gedanken in meinem Kopf zu besiegen, stand am vergangenen Sonntag an. Ich liebäugelte letztes Jahr schon mit dem Swim & Run in Köln am Fühlinger See. Die Entscheidung fiel zugunsten der 6 km Langstrecke aus. Ein wenig mulmig wurde mir schon bei dem Gedanken, mich solange im Wasser zu bewegen. Von Anfang an ging ich nur mit dem Anspruch ins Wasser, das Ganze durchstehen zu wollen. Ob ich Letzter werde oder nicht war mir erstmal Wurscht. Also rein ins kühle Nass (17 Grad) und ab die Post. Es ging immer einen Kilometer hin und wieder zurück, das dann rein rechnerisch dreimal.
Im Sinne von "Es kann nur Einen geben" ist mir natürlich wieder was passiert. Irgendwann hörte ich beim Atmen laute Schreie und ein Motorboot. Man machte mich darauf aufmerksam, dass ich zu weit geschwommen bin und die 1.000 Meter-Wendemarke schon ca. 100 Meter hinter mir liegt. Das war mal wieder typisch!
 
Die 1.000 m zurück waren etwas schwerer, da wir am Ufer zurück schwammen und nicht die Bojenleine der Regattabahn zur Orientierung hatten. Immer wieder neu orientieren muss ich noch viel üben, das kostet sonst extra viel Kraft.
 
Die ersten zwei Kilometer waren problemlos überstanden. Doof ist nur, dass man sich ja gar nicht mit anderen Startern unterhalten kann. Man ist mit sich und dem Wasser ganz alleine.
Auf dem dritten Kilometer überkam mich kurz ein Hungergefühl, was aber schnell wieder verflog. Allerdings verflog auch die Lust, weiterzuschwimmen, mit dem Gedanken an den anstrengenden Rückweg wegen der fehlenden Orientierung für mich. Kurz vor der 3.000er Wendemarke kamen die ersten Gedanken darüber, aus welchem Grund ich jetzt aussteigen könnte. Ich schwamm an die Plattform, an der man seine Rundenbändchen und auch Nahrung bekam und schwamm weiter, verdrängte kurz die Gedanken ans aufhören.
Diese kamen aber recht schnell wieder, als ich meine Kraftkostenten Orientierungsversuche auf dem vierten Kilometer machen musste. Ab und an hatte ich den Dreh schon raus, alle 4 Züge den Kopf nach vorne und hoch zu nehmen und innerhalb einer Sekunde zu sehen, wo ich hin muss. Ich nahm mir die großen 250 Meter-Marken am Rand als Zielpunkt. Leider kamen diese aber gefühlt nie näher. Der Drang auszusteigen wurde immer stärker. Ich mag nicht mehr. Wo kann ich jetzt aussteigen? Irgendwo am Rand einfach rausgehen? nein! Erstmal nicht. Ich schwimme bis runter zum offiziellen Ausstieg und dann raus. 4 km reichen auch!
 
Dieser offizielle Ausstieg kam immer näher. Irgendwie bin ich dran vorbeigeschwommen und schon fast um die Wendemarke drumrum. Ich muss ja nur noch ein Mal hoch und runter schwimmen. Die 1.000 Meter hin sind einfach. Immer an der Leine lang. Mittlerweile werde ich nur noch von Blaukappen (12 km-Schwimmer) überholt. Manchen ist es dabei egal, ob da einer im Weg rumschwimmt. Ich werde untergetaucht. Macht nix! Die schwimmen an mir vorbei, als ob man bei einem 100 m-Sprint ist. Die Kraft verlässt mich langsam. Wadenkrämpfe, die kommen und gehen. Ich merke, dass ich erheblich langsamer werde. Auch das ist mir zu dem Zeitpunkt egal. Ich versuche, meinen Rythmus zu halten. Wenigstens das gelingt mir. 5.000 Meter! Das Rundengummi um den Arm, 2 Stückchen Müsliriegel und auf zu den letzten 1.000 Meter, die nocheinmal grausam werden sollen. Zickzack schwimmen wegen der Orientierung, kraftlos aber dem Ziel entgegen planschend, denn wie Schwimmen sah das bestimmt nicht mehr aus.
 
Der Ausstieg kommt trotzalledem irgendwann immer näher. Nichts wie hin! Mist, das ist die andere Verpflegungsstelle. Der Ausstieg ist nochmal 150 Meter weiter. Die ersten richtigen Freudegedanken tauchen auf. ICH bin 6 km geschwommen - am Stück! Langstrecke!
Ich habs geschafft! Nach 6 Kilometern krieche ich mit Hilfe von sechs helfenden Händen aus dem Wasser, kann mich erstmal kaum auf den Beinen halten, Orientierungs- und Gleichgewichtsschwierigkeiten. Geht aber schnell wieder. noch durchs Ziel schwanken und ab in die Sportlerecke, wo es ausreichend Verpflegung/Getränke gibt. Trockener Folien-Schokokuchen hat noch nie so gut geschmeckt wie heute!
 
Stolz aus zwei Gründen: Ich habe neue Grenzen erfahren und überwunden und weil ich doch noch in der Lage bin, mich zu quälen und meine negativen Gedanken zu besiegen.
 
Jetzt gehe ich meine größten Probleme an - das Laufen und damit auch weiterhin mein Gewicht.
 
Ihr werdet von mir hören!

 

Kommentare

Da wir uns ja schon kurz Persönlich kennen gelernt haben , muss ich dir sagen , das ich großen Respekt vor deiner Leistung habe ... Ich dachte ich sag es dir einfach mal ... lg Volker

Hey, Sven!
Das hätte ich ja nicht von Dir gedacht! Das Du die 6 km doch durchgehalten hast! Respekt! Das ist was Besonderes (verrücktes). Die meisten Menschen (auch "Sportler") können sich so etwas gar nicht vorstellen. Und Du kannst mir glauben: Ich weiss, was Du da geleistet hast. Zufälligerweise war ich dort auch am Start, nur dass ich einer von den " Blaukappen" auf der 12-km-Strecke war. Und: Ich bin (ausser beim Start auf den ersten 500 Metern vielleicht) nicht über andere Mitstreiter drübergeschwommen. Es war schon recht kalt, aber gefroren hast Du - wie ich auch - scheinbar nicht. Auch was das gefühlte Plantschen angeht, kann ich Dir beipflichten. Das ging mir auf km 9 bis 11 auch so. Aufgeben kam mir allerdings nie in den Sinn. Ich wolte ja meine Zeit vom Vorjahr möglichst unterbieten und bin dann auch 13 Minuten schneller gewesen.
Noch ein Wort zur Veranstaltung: Das, was dem 12-km-Schwimmer hier von Herrn Jäschke geboten wird (für 45 EUR Startgeld), ist schon schwach, zumindest, wenn man bedenkt, dass es bei der Zielverpflegung nur ein paar Becher mit Wasser, Salzstangen und besagten "Folienkuchen" gab. Nen billigen heissen Pulvertee zum aufwärmen hätte man ja auch mal hinstellen können. Der Fairness halber muss man sagen, dass am Ende noch eine Badekappe, eine Plastikgirlande, und ein Schlauchschal, auf dem ausser dem Veranstalterlogo nichts von DIESER Veranstaltung aufgedruckt war, in meinen Besitz über ging. Der Schal ging also gleich in den Besitz der nächsten Abfalltonne über. Wenn diese Veranstaltung nicht so günstig in der Nähe wäre, gäb es kaum einen Grund, dort teilzunehmen...
Bis bald beim Schwimmtraining!

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