Berlin laufend erleben

Ein Jahr vorher angemeldet, am Start gewesen und sogar im Ziel gelandet - so die Kurzfassung meines Berlin-Auftrittes.

Wir (Janine und ich) hielten uns schon seit Donnerstag Abend in Potsdam bei Freunden auf. Die Fahrt nach Potsdam versüßten wir uns mit einem Halt bei Nicola, einer mittlerweile guten Freundin, in Ohlum (da wo sonst niemand weiter wohnt...). Nicola - Danke dir für diesen wunderbaren Kuchen!

Freitagnachmittag dann der Besuch der Marathon-Messe auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tegel. Dort liefen wir auch unserem Rostocker Freund André übern Weg, der ja einer der Berater am Polar-Stand war. Schön, dich mal wieder gesehen zu haben!
Glücklicherweise waren wir relativ zeitig an der Startnummernausgabe. Als ich, nach ca. 20 Minuten, das "wegen der Sicherheit" komplizierte Verfahren inkl. Armbändchen hinter mir hatte, war die Schlange, die Einlass in den Bereich begehrte, schon erschreckend lang. 
Leider blieb uns kaum Zeit für einen Rundgang auf der Messe, da unser Herbergsvater keinen Parkplatz fand und wir wieder abziehen mussten. Eine weitere 2h-Odyssee mit den Berliner Öffentlichen Verkehrsmitteln nach Potsdam wollten wir uns nicht nochmal antun. Hier ist der Hinweis für die BVG angebracht, doch mal die Ansagen in ihren S- u. U-Bahnen etwas genauer zu formulieren!
Nun denn - ich hatte meine Startnummer und das Bändchen um das Handgelenk, das ich bis Sonntagmorgen nicht verlieren durfte.
Des Weiteren gab es für jeden Läufer einen Beutel. Diesen Beutel hätte man höchst bietend an eine Gruppe Suizit gefährdeter verkaufen können. Man muss nur für 2 Minuten seinen Kopf hinein stecken und schon wäre man am Chemiegeruch verendet. Für umweltbewusste Läufer wahrscheinlich ein Graus. In diesem Wunderbeutel war all das zu finden, was in jedem anderen Beutel eines dörflichen Laufveranstaltungsveranstalter zu finden war. Nichts aber auch gar nichts, das man als kleines Extra zu einem Jubiläum hätte erwarten können - etwas enttäuschend! Die nächste Enttäuschung war perfekt, als mir klar wurde, dass Läufer leider nicht die Möglichkeit haben, am Sonntag kostenfrei mit der BVG zu fahren. Das kennt man von anderen Großveranstaltungen auch anders.
Am Freitagabend war Schnitzel-Abend in der Dorfkneipe. Bekloppt wie ich bin, bestellte ich mir das XXL-Schni (800g), verzichtete aber klugerweise auf die Bratkartoffeln. Anschließend hatte ich das Gefühl, dass der Marathon wegen massivem Völlegefühl wohl für mich flach fiel. Dies gab sich zum Glück bis Samstag wieder.

Am Sonntagmorgen dann punkt 5 aus'm Bett, in die Klamotten und mit der S-Bahn zum Berliner HBF. Idealerweise meldete sich am Bahnhof schon mein Magen, so dass ich dort schon gesittet Schlange stehen konnte. Dann sofort auf meinen Mitläufer Norbert getroffen. Norbert - der Mann mit dem ich 2012 schon in Rostock eine Staffel lief und mit dem ich mir im Januar in Rodgau einen packenden Kampf lieferte. Der Sieger damals konnte nur im Fotofinish ermittelt werden. Nur leider gab es kein Foto unseres Zieleinlaufes. Somit verabredeten wir uns später, dies in Berlin und anschließend in Frankfurt nachzuholen. Aller guten Dinge sind Drei ...
Norberts Lieblingswortgebilde scheint "Pils-Bier" zu sein. An jedem Verpflegungsstand fragte er nach einem Pils-Bier. 
Wir trafen dann noch Norberts Schwester Christine (sielaeuft.de) mitsamt Eltern. Verabschiedung von Janine und ab gings ins Läuferlager. Hier gab es dann die allgemein üblichen Handlungen, die ja nicht weiter beschrieben werden müssen. Getroffen habe ich dort noch Christoph aus Wiesbaden vom Twitterlauftreff. Er begab sich grad zu seinem 150. Klogang an diesem Morgen.
Auf zur Startaufstellung... 21 Minuten nach den Spitzenläufern überquerten auch wir dann die Startlinie. Nun sollten also 42,195km durch Berlin folgen. Nach 2km lief mir schon der nächste Bekannte über den Weg. Frank von sportics.net mit dem ich in Rodgau schon 3 Runden gemeinsam lief, wurde von uns rasend schnell überholt und gegrüßt. Frank lief mit Luftballon, was mir jetzt grad die Frage stellt, ob das unerlaubtes Doping war, da er sich ja dadurch leichter machte.
Einmal rund um die Goldelse laufen - das hat schon was! Sie wirkt so nah noch größer. Als die Straße etwas enger wurde und die ersten Grünstreifen kamen, schwärmten massenweise männliche Läufer aus, um ihrem Drang nachzugehen. Wir auch. Ich glaube, dass dieser Ort in nächster Zeit von Hunden gemieden wird.
Ein Dönerwagen an der Strecke nach 4km. "2 Döner mit alles zum Mitnehmen" rief ich ihm zu. "wenn du kommst zweite Runde" war seine Antwort. Ich war sicher nicht der Erste mit dieser blöden Bestellung an diesem Tag.
Berlin-Moabit. Die Knastis durften nicht zuschauen...
Bei km 7 dann ein kurzer Klopfer auf den Rücken. Markus Schubath - ebenfalls bekannt vom Twitterlauftreff. Er begleitet seine Frau bei ihrem ersten Marathon. Kurz darauf der Hauptbahnhof. Janine steht auf der falschen Seite. Stört mich nicht, ich lauf quer rüber zu ihr, knutsch sie kurz und trabe weiter.
Nach 10km stelle ich kurz fest, dass diese doch recht schnell und locker von statten gingen. Norberts Bemerkung: "Das bleibt nicht so" - DANKE!

2013-09-29 11.09.53.jpg

Erstaunlicherweise ging es noch weiter bis km 22 sehr locker und problemlos. Wahrscheinlich haben auch die massenhaft vorhandenen Zuschauer zur Ablenkung beigetragen. Bei km 20 war Janine wieder am Straßenrand. Meine ersten Schmerzen in den Oberschenkeln kamen langsam hoch aber haben noch nicht so sehr gestört.
Halbmarathon in 2:38. Wir waren doch etwas langsamer als erhofft, aber es störte nicht. Nun bekam ich wieder Rückenschmerzen - genauso wie beim Rennsteiglauf, nur 10km früher. Jeder Laufschritt vibrierte im unteren Rücken schmerzhaft, so dass ich nur noch gehen konnte. Ich erteilte Nobert die Absolution und verabschiedete ihn. Ich glaubte nicht daran, dass ich ihn heute noch mal sehen würde. Aber er behauptete steif und fest, ich würde ihn wieder einholen - haha!!
Ich ging also so für mich hin und philosophierte darüber, wie ich denn nun am besten aussteigen könnte, wie ich zurück zum Läuferlager käme und wie enttäuscht ich die nächsten Tage sein würde. Ich dachte daran, nie wieder auch nur einen Fuß an eine Startlinie zu setzen, nur noch mit mir selber durch die Wälder Lämmerspiels zu laufen. Ab und an versuchte ich wieder zu laufen, was nur ca. 100 Meter weit ging. Diese Rückenschmerzen! Irgendwie ging ich trotzdem weiter und stieg nicht aus. "Hier kann ich nicht raus! Zu viele Leute, die mich wahrscheinlich wieder auf die Straße zurück prügeln, da ich ja nicht verletzt bin" - Meine Gedanken... Meine Augen suchten die nächste U-Bahn-Station. So ging das über 5 Kilometer, aber es sollte noch dicker kommen.
Am nächsten Erfrischungspunkt machte ich den Fehler und nahm mir einen Becher Iso-Drink. Der wirkte 5 Minuten später. Mein Magen meldete sich. Mitten in einem Wohngebiet! Ich war drauf und dran, die Zuschauer zu fragen, ob einer von ihnen hier wohnt und mir Einlass gewährt, damit ich meinem Magen Auslass gewähren kann. Dort zwei Mitglieder der Orga. Kurz nach nem WC gefragt und an den freundlichen ARAL-Betreiber verwiesen wurden. In der Tankstelle dann mit den Worten begrüßt " der 10.000ste heute!" und den goldenen Schlüssel der Entlastung erhalten. 10 Minuten auf diesem sauberen ARAL-WC und die Welt wurde wieder bunter!
Schlüssel zurück gebracht. Von den Zuschauern wurde mir eine Gasse zur Straße gebildet. Einer fing lauthals an, den Stadionsprecher zu mimen: "Und da kommt er wieder. unser Sven ist auf dem Weg zurück auf die Laufstrecke! Wir begrüßen den Sven mit einem lauten Hurrrraaaa!" ich kann doch die Leute nicht enttäuschen! Ich muss weiterlaufen! Kurz darauf kam von hinten noch Stefan, ein Bekannter vom Rennsteig und Boderland-Ultra, im Hasenkostüm an mich ran, bot mir ein Stück seines grade erworbenen Krapfens an und befahl mir, dass ich zumindest bis ins Ziel gehe. Nun denn, also nix mit Aufgabe.
Km 30 - Janine war wieder da und lief sogar fast einen Kilometer mit mir gemeinsam. Ich konnte mittlerweile wieder flüssig laufen. Nach insgesamt 7km Qual hat sich offensichtlich wiedermal mein Rücken entspannt, während ich der Tankstelle einen Besuch abstattete. Meinen Oberschenkel war es nun auch klar, dass sie heute nicht um die 42km herum kamen. Ich begann, in kurzen Etappen zu denken. Bei Kilometer 33 wartet Matty mit einem Köstritzer auf mich, direkt am RunnersPoint-Stand steht sie. Matty - danke dir dafür!! Bei km 35 auf dem Ku'damm dann wieder Janine gemeinsam mit unseren Potsdamer Freunden - direkt vorm MCDonalds. Die kamen vorher sogar auf die Idee, mir dort etwas holen zu wollen. Naja, wenn sie das Echo meines Magens vertragen hätten... ;-)
WP_000472.jpg
Ebenfalls bei Km35 eine große VideoWand über die man seinem Läufer motivierende Nachrichten zukommen lassen konnte. In meiner unendlichen Weisheit habe ich mir vorher selbst eine Nachricht geschrieben, die den Moderator dazu ermunterte, mich persönlich zu rufen und mir mitzuteilen, dass ich ja einen "Lauf für Schokolade" absolviere, da im Ziel eine Tafel selbiger auf mich wartet.
Ich laufe immer noch. Bin seit 6 Kilometern keinen Schritt mehr gegangen. Der Motor läuft wieder. 
Km 38 (Potsdamer Platz) - wieder meine Potsdamer Freunde mit Janine am Rand. Freue mich, habe aber nur einen kurzen Blick für sie. Sie rufen mir zu, dass Norbert gar nicht weit weg sei. Ich kanns kaum glauben. Sollte er am Ende Recht behalten?
Schaue mehrfach um mich und habe das Gefühl, dass ich aktuell der einzige bin, der hier noch (wieder) läuft. Ich überhole unendlich viele. 
Nach der 40km-Matte muss ich auch noch mal kurz gehen, verfalle aber wieder ins Laufen.
Und dann das Unfassbare. Norbert 100m vor mir. Im gleichen Moment schaut er sich um und entdeckt mich. Ein lautes Gebrüll der Freude in den Gassen des Berliner Zentrums. Wir gehen 500 Meter gemeinsam, unterhalten uns über zwischenzeitlich Erlebtes. Noch 700 Meter.
Die Straßen jetzt relativ leer, kaum Zuschauer.
600 Meter. Die letzte Kurve Unter den Linden. Ich verfalle wieder ins Laufen. Nach der Kurve das Bild wie ausgewechselt. Links und Rechts Milliarden von Zuschauern. Und wieder sind die alle wegen mir hier. Also lauf Sven! Die wollen dich laufen sehen, nicht wie du völlig fertig dem Ziel entgegen wankst! Lauf und gib Gas! ich höre wieder oft meinen Namen. Laufe mit Absicht weit rechts, damit die auch alle meinen Namen lesen und mich bejubeln können. Zwei Mal halte ich doch noch an. Das Brandenburger Tor - leider kann ich für Silvio keine Runde um eine Säule drehen, denn da ist abgesperrt. Aber ich berühre die Säule und lehne kurz meinen Kopf dran. Das musste sein! Und dann gibts noch ein Foto vor dem Ziel - in das ich hinein LAUFE!
Im Ziel warte ich auf Norbert, in der Hoffnung, dass er nicht traurig ist, weil ich ihm davon gelaufen bin. 3 Minuten später kommt auch er. Norbert wollte es länger genießen...
Leider gab es nun keine Original-Medaille für uns. ob es nun an logistischen Gründen oder an egoistischen Läufern vor uns lag, die der Meinung waren, ihre Familien mit Medaillen ausstatten zu müssen, sei dahin gestellt. Es war für uns keine schöne Situation, nur einen "Ersatz" umgehängt zu bekommen.

Was ich für mich mitnehme: 
Die Helfer am Start, an der Strecke, im Ziel erhalten alle von mir die Note 1+++++. Euch und den unzähligen Zuschauern danke ich für die grandiose Unterstützung!
Dem SCC werfe ich vor, dass man da als Läufer in manchen Situationen das Gefühl hat, nur der Zahlmeister zu sein.
Ich selber bin erstaunt darüber, dass ich in der Lage bin, mich auf 42,195km ausschließlich von ca. 2 Äpfeln zu ernähren und dabei nie Hunger zu haben.
Ach ja, da war ja noch das mit dem "nie wieder auch nur einen Fuß an eine Startlinie zu setzen" - Seit Montagmorgen freue ich mich auf den Frankfurt-Marathon in 4 Wochen.
Salut Berlin - es war schön auf deinen Straßen, aber ein Mal reicht für mich.

 

mit Nobert...
mit Norbert ...

Neuen Kommentar schreiben

Eingeschränktes HTML

  • Zulässige HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Web page addresses and email addresses turn into links automatically.