Doch nix mit Pokémon-Jäger...

Was hat der Bergsee-Ratscher-Triathlon mit dem derzeit wohl beliebtesten Smartphonespielgedöns zu tun? Eigentlich nichts, außer dass beides etwas mit Bewegung im Freien zu tun hat. Zum Zusammenhang komme ich aber später...

Ich hatte für dieses Jahr nur zwei Triathlon im Kalender stehen. Anfang August mit dem Verein in Sassenberg und vier Wochen später mein Debüt beim Heimattriathlon am Bergsee Ratscher im Thüringer Wald. Seit Ende August 2014 habe ich keine Olympische Distanz mehr bewältigt. Das ist der gleiche Zeitpunkt, zu dem ich Hessen in Richtung Rheinland verlassen habe. Irgendetwas ist da in meinem Kopf passiert, das mir die Fähigkeit, mich zu quälen und zu kämpfen genommen hat - bis zum 3. September 2016. Selbst in Sassenberg, für das ich im Vorfeld viele Kilometer auf dem Rad absolvierte, hat mein Kopf mich nach nur 22 Kilometern zur Aufgabe gebracht, obwohl dort alles flach im Münsterland ist. Dies war in den letzten zwei Jahren überall so, auch bei reinen Laufveranstaltungen.

Nun, nach Sassenberg, stand noch Ratscher auf dem Plan. Was mache ich? Bezahlt ist das schon. Das Wetter als Ausrede zählt auch nicht, denn es soll schön werden. Allerdings wurde irgendwie auch ein kleiner Microschalter irgendwo in meinem Hirn eine Woche nach Sassenberg umgeschaltet. Mit diesem Schaltvorgang fing ich an, alles zu dokumentieren - mein Essen, meine Bewegungen.. und siehe da; ich bin in den verbleibenden 3 Wochen bis Ratscher gut 100 km gelaufen, habe täglich mein Bewegungsziel überboten (Schritte zählen) und in der Gänze 4 Kilo verloren.

Irgendwie war ich auf Ratscher fokusiert, wie ich es seit langem nicht mehr war. Ich hab' mich mit jedem Tag mehr auf diesen Tria gefreut. Aufgrund der offensichtlichen kleinen Teilnehmerzahl konnte ich mich auch schon rechtzeitig damit anfreunden, dass ich definitv Letzter werde. Außerdem kam hinzu, dass Silvio, meine Tochter und mein Bruder jeweils gemeinsam mit Familie angekündigt haben, mich vorort zu unterstützen.

So kam es also, dass ich mal wieder mein Rad einschecken musste/durfte/wollte. Anders als bei den letzten Versuchen war schon, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Angst, hauptsächlich vor dem Laufen, verspürte. Ich war innerlich zwar aufgeregt aber im Ganzen doch recht locker drauf.

Eine Zielzeit hatte ich mir zwar grob zurechtgelegt. Allerdings habe ich in einer Diskussionsrunde mit mir selbst auch herrausgearbeitet, dass es heute kein Zeitziel sondern ein Finishziel ist. Schon allein deshalb, weil ich nicht weiß, was auf der Radstrecke auf mich zukommt.

Ab ins Wasser

Also 10.30 Uhr ab ins Wasser. Irgendwie bin ich Anfangs mittendrin, wo ich mich sonst immer da raushalte. Aber nach und nach trennt sich die Spreu vom Weizen und ich kann in Ruhe mein Tempo schwimmen. Es gab dann nur das Problem, dass wir auf der ersten Hälfte (750 m) der Sonne entgegen schwammen, wodurch ab und an abbrechen musste, um meine Orientierung wiederzufinden. Alles in allem kam ich zwar schon als Letzter aus dem Wasser, blieb aber in meinem Zeitrahmen für's Schwimmen und auch nur kurz hinter den Letzten vor mir.

Auf dem Rad, das war mir schon vorher klar, machten mich ausnahmslos alle nass. Selbst die, die nur kurz vor mir aus dem Wasser kamen, nahmen mir auf den drei Runden eine ganze Runde ab. Kein Wunder, denn keiner von denen hatte einen Rucksack um den Bauch geschnallt. Aber irgendwie war mir das heute dermaßen egal. Die Strecke bestand aus einem permanenten Bergauf und -ab, mal kurz und steil, mal langezogen... Im gesamten ca 430 positive HM auf den 40 km. Ich fuhr mein Tempo, schaltete viel und ließ mich tausendfach überholen. Dabei gab es etliche Athleten, die mir während ihres Überholvorganges entweder den Daumen nach oben zeigten oder verbal ihren Respekt zum Ausdruck brachten. Danke dafür!

Und das Schönste für mich war, dass ich mal wieder so richtig Spaß dabei hatte. Kein innerliches Fluchen, kein Hadern, nichts negatives ... mein Kopf machte sogar ein paar Albernheiten an einem der Anstiege: "schaut mal, ich mache alles im Sitzen, muss nicht aus dem Sattel. Ich bin halt wie Jan Ullrich. Wo kann ich mich zur Tour de France anmelden?"

Die letzte Runde fuhr ich dann alleine, aber auch das störte mich nicht. Na gut, so ganz alleine war ich nicht. Vor einigen Jahren verfolgte mich bei einem Halbmarathon im Wald das permanente Dieselbrummen eines Sankras. Das gleiche Brummen hatte ich gestern auch wieder. Nur war es diesmal ein einfaches Begleitfahrzeug, damit ich nicht so ganz alleine war. 

Und immer noch keine Angst vor'm Laufen ...

Runter vom Rad, rein in die Galloschen und rauf auf die Laufstrecke, auf der ich in dem Moment noch nicht alleine war. Hier war vier mal eine Strecke von 2,5 Km zu absolvieren. Nach meinem ersten mal hatte ich die Strecke für mich alleine und meinen Fanclub, bestehend aus Silvio, meiner Tochter mit Schwiegersohn Tim + meinem Enkel, sowie meinem Bruder inklusive seiner Frau Susi und seinem jüngsten Spross Mathilda.

Das laufen fiel mir wie schon vorher geahnt schwer. Die Schulterpartie vom Radfahren verspannt, was sich den Rücken hinunter zog. So verbachte ich die 10 km im ständigen Wechsel von Gehen und Laufen. Unterstützt wurde ich dabei nicht nur verbal. Silvio begleitete mich einige Meter und meine Tochter ging auch mal eine Gehpause mit mir mit. Feine Sache!

Die letzten 1,5 km hatte ich dann so richtig für mich alleine. Der Fanclub verabschiedete sich Richtung Zielbereich, um mich dort zu empfangen. Der letzte Streckenposten pflanzte sich auf sein Rad, um im Ziel Bescheid zu sagen, dass der Verlierer der Herzen auch gleich antrabt. Silvio kam ihm offensichtlich zuvor und gab dem Sprecher der Veranstaltung schon den Tipp, dass ich gleich komme. So kam es, dass ich einen der bisher geilsten Zieleinläufe erleben durfte. Wie mir später erzählt wurde, hatte der Sprecher übers Micro die Wettkampfbesprechung für den nächsten Bewerb verschoben und alle Anwesenden dazu aufgerufen, mich im Ziel zu empfangen.

Ich war noch eine Kurve vor dem Ziel, der letzte Streckenposten kam mir nochmal auf dem Rad entgegen und forderte mich auf "und jetzt nochmal nen Endspurt! Los!" Gesagt, getan... ich verfiel ins Laufen und das lief sogar so flüssig, als ob ich heute noch gar nichts gemacht hätte. Nach der Kurve ging dann das Geschrei los. Millionen von Menschen jubelten mir zu (Übertreibung veranschaulicht). Ich glaub', meine Freude sieht man auf dem Bild... Das war richtig hammergeil!

Ich bin im Ziel und an meinem Ziel, endlich wieder gekämpft zu haben und etwas Größeres zu finishen. Die Zeit war heute irrelevant. Und ich hatte Spaß. 
Durch die Höhenmeter war es heute hart, verdammt hart, für so ein Schwergewicht wie mich. Aber vielleicht liegt mir diese Abwechslung auf der Strecke doch mehr, auch wenn ich da noch erheblich langsamer unterwegs bin.

Damit komme ich auch wieder zum Ursprung zurück - dem Pokémonspiel. Ich werde nun wohl doch nicht zum Pokémon-Jäger umschulen, denn ich mache weiter Ausdauersport. Und vielleicht schaffe ich es doch irgendwann mal, dauerhaft abzunehmen....

In diesem Sinne - bis bald mal wieder...

PS: Der Bergsee-Ratscher-Triathlon ist echt nur zu empfehlen! Ich danke euch für die Unterstützung, für diesen grandiosen Zieleinlauf und das ganze Drumherum!

Beim Check In
Beim Check In
Vorbereitungen ...
Vorbereitungen ...
Um die Wette planschen.
Um die Wette planschen
Teil 1 geschafft!
Teil 1 geschafft!
Ab auf's Rad ...
Ab auf's Rad ...
... und die Berge hoch.
... und die Berge hoch.
Nur noch 3 Meter!
Nur noch 3 Meter!
Fertsch, geschafft, verdient ...
Fertsch, geschafft, verdient ...
Fertsch, geschafft, verdient ...
Fertsch, geschafft, verdient ...
Teil meines Fanclubs - Tochter Michelle mit Schwiegersohn und Enkel
Teil meines Fanclubs - Tochter Michelle mit Schwiegersohn und Enkel

Kommentare

Hallo Sven... Gratulation zu deinem Erfolg und meinen Respekt vor deiner Leistung. Toll gemacht. LG Volker

Glückwunsch zum Finish! Chapó!

Schön geschrieben - ich habe mega Respekt vor deinem Durchhaltevermögen, vor allem deiner mentalen Stärke! Weiter so! Und vor allem, bitte nie den Spaß an der Sportart verlieren - es ist nicht entscheidend was andere sagen oder denken, wenn man für sich mit den Resumee "Ich hatte heute Spaß" rausgeht, hat man alles richtig gemacht - denke ich! :)

Also nochmal, Daumen hoch und weiter so!

Beste Grüße,
Norman

Erste Sahne. Respekt. Habe Dich auch gesehen. :-)

Ich kann durchaus nachvollziehen welche Gedanken Dir durch den Kopf gehen. Weiter so und nie aufgeben!

Viele Grüße Marco

Hallo Sven,
bin jetzt erst da zu gekommen deinen Bericht zu lesen.
Man muss sich ja immer etwas mehr Zeit nehmen.
Deine Berichte sind ja auch immer etwas länger.
Ist ja auch logisch, du bist ja auch länger unterwegs.
Mein Respekt zu deiner Leistung, du machst es dir ja nicht gerade leicht ;-)

Gruß, Oke

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