007 ;)

Es gibt Läufer, die laufen eine beeindruckende Zahl von Marathons. Wer nachgewiesen 100 dieser Läufe auf der Uhr hat, kann Mitglied im 100Marathon-Club werden. Das habe ich zwar nicht vor, heute ist jedoch 007, der siebte Lauf für mich über mindestens 42,195km.

0km 0Hm +

Die vergangenen Tage war ich extrem angespannt. Ich kann es gar nicht deuten. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich in Frankfurt letzten Herbst so quälen musste, oder ich in Rodgau im Januar nach 30 km ausgestiegen bin. Keine Ahnung.

Um sieben Uhr werden wir von Svens Vater in Neuhaus abgesetzt. Wir haben eine Menge Zeit unsere Unterlagen zu holen und uns umzuziehen. In der Halle ist schon einiges los.

Gegen halb neun finden sich so langsam alle an der Turnbeutelabgabe und auf dem Startplatz ein. Christine aus Hamburg ist nach dem Halben im vergangenen Jahr nun hier um den Ganzen zu laufen. Christine sammelt Marathons in aller Welt und ist ganz angetan von der ganzen Atmosphäre rund um den Rennsteiglauf und besonders von der Stimmung hier in Neuhaus. Mir geht es ähnlich, hier in Neuhaus gefällt es mir im Gegensatz zu Oberhof um einiges besser. Beim Start des Halben in Oberhof wird es schon recht unübersichtlich und laut. Da, der Start! Wir drei umarmen uns noch kurz und wünschen einander alles Gute für die nächsten 43,5km.

5 km 57Hm+

Die ersten 5km liegen hinter uns. Ich bin ja nicht mit besonders großen Ambitionen nach Neuhaus gefahren, was Zeit und Platz betrifft. Deswegen stelle ich mich beim Marathon auch immer lieber hinten als vorne an. Aber die ersten paar Meter in Neuhaus können dann doch nerven. Da gibt’s welche, die konsequent bereits an der ersten Steigung in Neuhaus ins Gehen verfallen. Ok, auch ich werde heut noch gehen. Aber dafür braucht man sich doch nicht vorne an die Startlinie zu stellen, um dann mindestens 2000 Startern im Weg rumzustehen! Oder die Interessenvereinigung wasweisichnichtwas aus A an der B, geplantes Massenfinish um 17:31 Uhr, zu diesem Zwecke in doppelter Querformation über die gesamte Breite der Laufstrecke verteilt. Man muss ja schon mal üben, in Schmiedefeld exakt zur gleichen Sekunde über die Ziellinie zu gehen... Mir fällt mein Buch ein, welches ich gerade lese „Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“. Oder so ähnlich. Ich muss grinsen. Genauso beschreibt der Autor die ersten Kilometer – Gelächter, Überholmanöver, Stimmung, Wetter passt. Das Feld hat sich sortiert. Ich bin eigentlich zu schnell.

10 km 132HM+

An der ersten Getränkestelle vor gut 4 km veranstalteten zwei Mädels an der Leitplanke einen ohrenbetäubenden Lärm, hier ging es dann das erste Mal in den Wald. Die ersten 6 km sorgten für allerlei Lockerung in den Läufern – viele verschwinden erstmal im dichten Gehölz. Hoffentlich bleibt mir Derartiges heute erspart. Beim Testlauf vor 2 Wochen habe ich mich einmal an Cola vergriffen. Der Erfolg 500 Meter später war durchschlagend. Heute gibt’s an Flüssigem nur Wasser und Tee. Gleich kommt der Verpflegungspunkt am Dreistromstein. Hier überholt mich ein blonder, langhaariger Jesus im gleichnamigen Schuhwerk. Im Vorderfußlauf. Perfekt, anders ist die Strecke in DEN Galoschen ja auch nicht auszuhalten. Das würde ich auch gerne können…. Das 10km-Schild. 56, 57min. Mittlerweile weiß ich, dass in 20, 25 km die Welt ganz anders aussieht. Ich aber auch nicht so schnell unterwegs bin, dass dann nichts mehr geht.

15km 138Hm+

Der flachste Teil der Strecke ist rum. Eine Minute langsamer als beim Halben vor zwei Jahren an der 15km-Marke. Nein, unter 2 Stunden wie beim Halben vor zwei Jahren, das wäre total verrückt. Schliesslich kommt da gleich noch die Steigung zur Turmbaude. Und noch 22km obendrauf. Heute bin ich weiter vorn im Feld unterwegs als vergangenes Jahr. Auch schneller. Zum einen verrät mir dies meine Uhr. Weiter stauen sich hier Läufer an Stellen, an denen ich das vom letzten Jahr nicht kannte. Beim Hineinhorchen in mich wurde auch nichts Auffälliges festgestellt. Bald kommt dann auch die Turmbaude Masserberg. Wurstbrote als Verpflegung. Ich liebe sie. Erstens mal was anderes als der ewige Verpflegungsbanananeneinheitsbrei. Zweitens kann ich beim Laufen ewig an den Dingern rum kauen, kleine Bissen, ewig drauf rum gekaut. Man will sich ja nicht verschlucken. So gehen die Kilometer auch rum.

21,1km ~250Hm+

Ja! Minimalziel erreicht, ich wollte heute an der HM-Marke schneller vorbei sein als vergangenes Jahr. Das wäre mit 02:05:04 erledigt. Bliebe noch das Finish in Schmiedefeld unter 5:05 in 22 Kilometern. Mir fällt wieder mein Buch ein. Dem Kilometer 21,1 war da natürlich ein besonders ausführliches Kapitel gewidmet. Warum mache ich das eigentlich? Irgendniemand warf mir im vergangenen Jahr mal vor, aus purer Angabe an solchen Läufen über die Marathondistanz teilzunehmen. Abgesehen davon, dass Irgendniemand heute selbst über eine HM-Ziellinie in Deutschland gelaufen ist. Ich glaube, wer das noch nicht getan hat, sich über diese Strecke gekämpft hat, dem kann man das nicht erklären. Weil der Marathon etwas völlig anderes als der Halbe ist. Niemals ist der Marathon einfach zwei Halbe nacheinander. „Vor allem wegen der Seele ist es nötig, den Körper zu üben, und gerade das ist es, was unsere Klugschwätzer nicht einsehen wollen.” – sagte Jean-Jacques Rousseau. Der Mann hat Recht. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich vor drei Jahren begonnen zu laufen, mittlerweile ist es Teil von mir geworden. Nicht der alles bestimmende Teil. Ich bin gesünder, zufriedener als vor drei Jahren. Und ab und an kann man doch mal schauen, was geht. Fertig.

23 km 266Hm+

Die Hohle liegt hinter mir. Letztes Jahr habe ich hier lange gewartet, bis ich mit dem Abstieg dran war. Heute war die Wartezeit nicht ganz so lange. Eigentlich bin ich ganz froh – hat man hier doch Gelegenheit, zu verschnaufen. Relativ gemächlich den Weg runtertrippeln. Man will, man kann aber nicht schneller. Also wird verschnauft. Am Getränkepunkt Schwalbenhauptwiese gibt’s Wasser und Tee. Und nun kommt der für mich schlimmste Teil, die Mainzer Landstraße des Rennsteigmarathons. 6 endlose, leicht steigende, nie enden wollende Kilometer. Kurze Unterbrechung der Einöde in Kahlert, weiter nach Neustadt. Mehr oder weniger auf der Landstraße mit Asphalt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie öde dass ist, wenn mal zum Rennsteiglauf die Sonne richtig brennt und man hier ins Köcheln gerät…. Das Wetter war bis jetzt wie versprochen: sonnig in Neuhaus, nieselig zwischen 10 und 11 Uhr, seitdem leicht bedeckt, nicht windig, genau richtig. Ich lege die ersten kurzen Gehpausen ein. Ich rechne immer mit, dass mir mein Endziel in Schmiedefeld nicht entwischt. Dank der ersten wirklich zügigen 23 km kann ich mir da einiges leisten…..

29 km 385Hm+

Volles Programm in Neustadt. Die Verpflegungsstation hat wirklich alles, was das Herz begehrt. Wer will, auch Brote in allen Belagsrichtungen. Ich will und schnappe mir ein Wurstbrot und eine Handvoll Äpfel. So ausgestattet gelange ich kauend bis kurz vor km 31. DEM BERG, wie Gerd so treffend schreibt. Hier bekommt das Höhenmeterkonto ordentlich Zuwachs. Und hier, kurz vor km 31 ich auch die erste leichte Krise. Vor zwei Wochen bin ich noch bis zum Beginn der richtigen Steigung ca. 200 Meter hinter die 31km-Marke gelaufen. Heute reicht mir der Anblick schon vom Ende des Feldweges aus, dass meine Beine in den Laufstreik treten und ich langsam auf den Berg zu schleiche….

Die zweite, große Krise habe ich oben auf dem Berg. Oben angekommen versuche ich, wieder langsam loszutraben. Was ist das? Mein Puls schießt plötzlich durch die Decke und ich bin vom Loslaufen schon völlig atemlos. 100 Meter gehen. Zweiter Versuch. Puls oben, keine Luft? Mist, ich habe noch fast 12 Kilometer. Ich kann die wandern, es ist erst halb eins. Die 5 Stunden rücken erst mal in weite Ferne. Wenn das nicht besser wird, habe ich wahrscheinlich ein anderes Problem. Oder der Mann aus Frankfurt ist wieder da. Von Krämpfen habe ich heute überhaupt nichts gemerkt. Nach vier, fünf Minuten ist der Spuk aber vorbei, ich kann wieder ganz normal loslaufen. Vielleicht haben die Wurstbrote und Apfelstücke von km 29 ihren Dienst genau rechtzeitig angetreten……

37km, 509Hm+

Wenn auf eins 100% Verlass ist, ist es heute der Wetterbericht. Zwischen 13 und 14 Uhr wurden Schauer angekündigt. Ein paar Minuten vor eins, ich bin am Dreiherrenstein. Hier beginnt es ordentlich zu schütten. Kurz danach ist es vorbei. Die Zeitnahme bei km 35 passiere ich im Trockenen. Mein Körper spielt auch wieder mit. Wenig später, kurz vor Allzunah fängt es wieder zu regnen an und eine Minute später schüttet es ordentlich. Auf der Landstraße hinter Allzunah kommen noch Hagelkörner dazu. Innerhalb einer Minute sind meine Schuhe triefnass. Auch der Schauer ist schon bald wieder vorbei – beim Aufstieg zum Meisenhügel.

38km, 541 Hm+

Bier geht eigentlich immer bei mir. Fast immer. Letztes Jahr habe ich mich auf die letzte Verpflegungsstelle am Monument gefreut. Schließlich bekommt der ausgepowerte Marathoni hier einen ordentlichen Schluck Schwarzbier mit auf die letzten Kilometer. Bei mir ging das gar nicht. Erstmal bin ich nicht der begeisterte Schwarzbierfan und dann noch die Kohlensäure…. Letztes Jahr flog mein Bier nach ein paar Meter in die Tonne. Diesmal lasse ich das Bier gleich links liegen, schnappe mir ein Wasser und vorbei geht’s am Monument auf die letzten lumpigen Kilometer. Der Weg neben der Straße ist hier vom Regen ordentlich aufgeweicht.

Langsam kriecht ein kleines Hochgefühl in mir hoch. Ich bin hier die letzten Kilometer nach Schmiedefeld schon ein paar Mal langgerannt. War jedes Mal nur froh, endlich da zu sein. Aber diesmal freue ich mich auf die letzten 4, 5 Kilometer. Keine große Steigung mehr – der letzte Kilometer die Reitallee hoch zählt nicht wirklich. Es läuft nochmal schön nach Schmiedefeld. Klar habe ich mittlerweile Beine wie Blei, ab und an meldet sich mal ein kleines Zucken. Die Schultern sind fest. Ein Mitläufer und ich, wir schwören uns, dass dies erstmal der letzte Marathon gewesen ist, wir uns nächstes Jahr beim Halben treffen. Schmiedefeld rückt immer näher, Autos am Wegesrand, der Sprecher vom Stadion ist deutlich zu hören. Ein kleines Steilstück, die Marathonmatte. Plötzlich ist man mitten in Schmiedefeld. Am Bahnübergang wird mir aus einem Bierwagen ein Glas gereicht. Ich verspreche, in einer Stunde nochmal vorbei zu kommen und lauf weiter. Die Reitallee ist da. Fast geschafft.

43,5km 637Hm+

Jetzt aber! Die Uhr im Zielbogen zeigt 04:53. Abzüglich meiner 3 Minuten Wartezeit am Start bin ich 04:50 unterwegs gewesen. Ich bin total zufrieden. Natürlich auch ausgepowert. Das obligatorische Tränchen noch schnell wegwischen, dann bekomme ich meine Medaille umgehängt. Was kommt nun noch wichtiges? Umziehen, Läuferbier, Bratwurst, Läufer gucken, Heimfahrt, Füsse hoch. Auf jeden Fall werde ich nächstes Jahr mir mal das Festzelt anschauen – angemeldet zur Läuferparty bin ich schon. Der Weg dahin führt auch 2016 wieder über Neuhaus!

„Ich glaube der Marathon ist ein Ereignis, bei dem du etwas lernst über deinen Körper und deinen Geist, egal ob du 2:30 oder 5:30 Stunden rennst. Der Geist ist das Powervollste in dir, denn dein Körper gibt meist auf bei ca. km 30. Es ist der Geist der den Rest schafft.“

Paula Radcliffe

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