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Samstag 04:00 Uhr, es hat keinen Zweck, mit Schlafen wird das nichts mehr. Also raus aus den Federn, eine Runde mit dem Hund gedreht, Kaffee aufgesetzt. Dann gleich für den Rennsteig im nächsten Jahr gemeldet. Silvio argumentiert bei mir seit geraumer Zeit für den Supermarathon. Es wird in 2017 aber wieder „nur“ der Marathon. Gegen 5 sitze ich fürs Laufen herausgeputzt am Frühstückstisch und lasse die letzten 6 Monate Revue passieren:

Den Marathon in Frankfurt habe ich gecancelt – ich bin letzten Sommer so gut wie kaum gelaufen. Über 20 km hinaus vielleicht einmal. Noch einen Einbruch wie 2014 in Frankfurt wollte ich so schnell nicht noch mal haben – jedenfalls nicht aufgrund fehlender Vorbereitung. So blieb mir nach meiner Umbuchung auf 2016 wenigstens genug Zeit, mich mit dem nächsten Vorhaben, dem Rennsteigmarathon zu beschäftigen. Im Januar und Februar waren neben dem normalen Laufen einmal pro Woche ein Intervalllauf und eine HIIT-Einheit auf dem Crosstrainer angesagt. Seit März gab es im 2-Wochen-Abstand jeweils mindestens eine 30 km-Runde. Und immer ordentlich Höhenmeter dabei. Erste Erfolge zeigten sich beim Laufen: mein „Schwätzen-statt-Hetzen-Tempo“ lag auf einmal bei unter 6 Minuten, auf der Langen-Bahn kam ich 9 Minuten eher als 2015 ins Ziel… Unser Hund in seinem grenzenlosen Bewegungsdrang tat sein Übriges für eine ansehnliche Einzahlung auf dem 2016er Kilometerkonto…

Bin gespannt, was heute beim Lauf von Neuhaus nach Schmiedefeld rauskommt. Gegen viertel sieben hat mich Antje in Zella-Mehlis abgeladen, um halb sieben sitze ich im Bus nach Neuhaus. Wir sind zeitig in Neuhaus, haben noch fast eineinhalb Stunden zum Start. Nach der Startnummernausgabe mache ich es mir in einer Ecke der Halle gemütlich und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Bekannte habe ich noch nicht getroffen, keine Kunst bei mehr als 3000 Startern.

Halb neun – die Turnbeutelabgabe bei den LKWs der Post geht wie immer problemlos. Wie immer stimmt uns der Moderator auf den Lauf ein. Beim Rennsteiglied und dem Schneewalzer schaut mich ein Nachbar verdutzt an, als ich ihn zum Schunkeln unterhake. „Das ist hier immer so“ gebe ich ihm zu verstehen, er macht mit. Sein Dialekt verrät, dass er aus dem Norden der Republik kommt. Er fragt mich die nächsten paar Minuten ausschließlich über die Steigungen der nächsten 42 km aus. Ich gebe ihm zu verstehen, dass er doch gehen soll, wenn es ihn zu steil wird. Das er Ambitionen auf eine PB beim Rennsteigmarathon knicken kann. Er die Landschaft und die super Unterwegsverpflegung genießen soll. Pünktlich zum Startschuss ist er dann zufrieden, wir wünschen uns noch viel Spaß und Erfolg, dann geht sie los, die Rennerei.

Der erste Kilometer in Neuhaus gibt ja vom Start weg erstmal ordentliche Höhenmeter. Keine 200 Meter nach dem Start, überrenne ich das erste „An-Bergen-gehen-wir-konsequent-in-der-Mitte-des-Weges-und-nutzen-diese-kleine-Unterbrechung-zum-Energietanken-Läuferpärchen“. Die schieben sich doch tatsächlich mitten in Neuhaus das erste Gel rein?! Ok, jeder wie er mag. An Laufen ist auf dem ersten Kilometer nicht zu denken, es ist ein Hüpfen und Hin-und-Herspringen. Immer muss man schauen, dass man sich an den Bordsteinkanten nichts an den Füssen tut. Hat man den ersten Berg in Neuhaus erklommen, hat man dann auch Zeit, seinen Platz in der Läuferschar zu finden. Ich laufe konstant in einem Pulk, jeder Kilometer meiner Laufuhr wird zwischen 5:15 und 5:25 gepiepst und ich kann mich erstmal sortieren. Ich bin heute nicht der Meinung, dass dies zu schnell sei. Ich weiß, dass die Zeit an den Steigungen noch ordentlich in den Keller gehen wird. Kurz vor dem ersten Verpflegungspunkt bei Kilometer 6 hat sich das Feld auseinandergezogen. Man kann jetzt gut laufen, ohne immerzu Mitläufern in die Hacken zu treten. Der Einpeitscher von Verpflegungspunkt macht seine Sache wie immer super. Ein Witz jagt den anderen, viele Läufer brechen in Lachen aus, als der Sprecher ankündigt, dass das Schlimmste geschafft sei und in 30 Minuten die ersten Bratwürste fertig sind.

Nach dem Verpflegungspunkt geht es in den Wald, bis nach Limbach immer leicht bergab. Hinter Limbach die nächste, etwas knackigere Steigung. Viele Läufer nutzen hier das Panorama, um ausgiebig zu fotografieren. Richtung Friedrichshöhe kurz hinter km 10 taucht auch schon der nächste Verpflegungspunkt auf. Hier bin ich nun schon 6x  vorbeigerannt. Dreimal zum Marathon und dann noch dreimal ein paar Wochen vorher bei der Aktion von „Aufs Ganze“. Eine schöne Aktion. Der Erfurter Laufladen und der Rennsteiglauf haben es sich hier zum Ziel gemacht, Teilnehmer beim Umstieg auf die Marathondistanz zu unterstützen. Klar, nicht ganz uneigennützig, schließlich ist es ein paar km weiter in Oberhof jedes Mal so rappelvoll, dass das Teilnehmerfeld limitiert wird und hier ist noch Platz. Wenn es passt, nutze ich in den Wochen vorher die Gelegenheit und melde mich bei den Vorbereitungsläufen an. Für kleines Geld wird man so schrittweise an die langen Distanzen herangeführt, ordentlich verpflegt, gefahren, ist von Gleichgesinnten umgeben und vom Laufladen betreut.

Denke in Verpflegungspunkten, denke nie daran, wie viele km noch vor Dir liegen! Denke auf keinen Fall an einen rosa Elefanten! Habe ich schon oft gelesen. Ich kann es ja mal versuchen, also: Ab jetzt kommt 8 km keine Verpflegung mehr. Also greife ich hier wieder mal zu: Wasser, Äpfel, Äpfel, Äpfel. Äpfel kommen gleich nach Wurstbroten auf meiner Rennsteigverpflegungsskala. Äpfel bei Laufveranstaltungen sind selten. Meist gibt es Bananen. Ich hasse Bananen zum Marathon.

Es geht auf den Eselsberg zu, die Blasmusik in Friedrichshöhe haben wir schon lange hinter uns. Beim Hineinhorchen in mich gibt es keinerlei Störgeräusche. Mein angepeilter Stundenschnitt wird noch großzügig unterboten, ich befinde mich immer noch bei 05:30 im Durchschnitt. Beim Anstieg zum Eselsberg gibt es hier aber die erste ordentliche Delle, mit 05:30 kann ich hier noch nicht hochrennen, dafür muss ich noch ein wenig üben.

Auf dem Eselsberg ist eine von zwei „richtig großen“ Verpflegungspunkten auf der Marathonstrecke, hier gibt es wirklich alles. Ok, Bier keines, sonst jedoch alles. Zwei Brote in der Linken, ein paar Äpfel in der Rechten halte ich mich hier gar nicht weiter auf. Weiter geht’s, mir geht’s noch prima. Abwärts nach Masserberg und Richtung Hohle passieren wir bald die Zeiterfassung zum Halbmarathon. Bedingt durch die Streckenanpassung liegt die Matte nun direkt am Einstieg in den Hohlweg. Die Hm-Marke passiere ich bei 01:59:08. Na also, wie erwartet. Schneller als letztes Jahr. Irgendniemand vom letzten Jahr (007) taucht auf – ich denke lieber an rosa Elefanten.

Als Minimalziel habe ich eine Zeit unter 4:30 angepeilt, eine 4:15 könnte auch noch klappen. Erst mal weiter, bald kommt die nächste Verpflegung an der Schwalbenhauptwiese. Prima, auch hier gibt’s Äpfelchen. Mit vollen Händen auf die Mainzer Landstraße nach Neustadt, der nächste Verpflegungspunkt ist nur noch schlappe 5 oder 6 km entfernt. Denken Sie niemals an rosa Elefanten! Anders als die Jahre vorher laufe ich hier locker durch. Nicht schnell, aber schnell genug, um nicht bei jeder kleinen Steigung ins Gehen zu verfallen. Bis mich bei km 28 irgendetwas ins Gebüsch treibt. Da diesem Thema in der Laufliteratur kein Platz eingeräumt wird, man allenfalls in Kolumnen hierüber etwas erfährt, schweige ich auch und trete drei Minuten später frisch gestärkt wieder in die Laufmeute ein. Kurz vor km 29 kommt der nächste rosa Elefant. Links die Brote, rechts den Apfel mache ich mich ohne großen Aufenthalt auf den Weg zum nächsten, vorletzten Verpflegungspunkt. Wenn der Burgberg bei km 31 geschafft ist, war es das eigentlich schon mit dem Rennsteig – kaum noch 10 km. Ui, der rosa Elefant. Dann kommt doch fast nur noch leichtes Auf und Ab. Am Burgberg gehe ich natürlich auch nach oben. Hier hatte ich vergangenes Jahr das erste Mal ordentlich Probleme. Heute bin ich hier mit knapp über drei Stunden durch und könnte Bäume ausreisen. Scheint sich alles gelohnt zu haben. Dank der Verpflegungspunkte, Biopausen und Bergauf-Geh-Passagen nähert sich meine Pace zwar unaufhaltsam der 6er Grenze, die 6 Minuten scheinen aber zu halten, immer sobald es ein wenig flacher oder abschüssiger wird, kann ich nochmal richtig Gas geben. Der letzte Verpflegungspunkt. Bier gibt’s für mich erst in Schmiedefeld - ich laufe einfach weiter. Ich fühle mich super, keine 5 Kilometer mehr. So langsam macht sich ein Gedanke breit, den ich hier auf dieser Strecke, eigentlich bei keinem Marathon bisher, hatte: „Schade, dass es vorbei ist. Ein paar Minuten noch, dann muss ich wieder ein Jahr warten. Ja, ich kann  es gar nicht glauben. Und darüber nachgedacht habe ich auch erst hinterher. Aber tatsächlich, ich war traurig, dass das alles schon wieder vorbei sein soll. Bis hierher war das jetzt ein wunderschöner, entspannter Lauf. Für einen Marathon ganz neue Gefühle. Trotzdem geht es nun langsam nach Schmiedefeld hinein, der Stadionsprecher ist schon seit 2,3 km zu hören. Es wird immer voller. Auf der Reitallee, die ja nicht gegangen, sondern immer gelaufen werden soll, wartet mein Sohn. Das THW und die Jugendgruppe hat hier heute die Gepäckverteilung auf der Wiese übernommen. Die Jungs vom THW nehmen mich in die Mitte und begleiten mich unter Gejohle ein paar Meter die Reitallee hinauf. Oben geht’s wieder einmal um den Sportplatz, ein wie immer unbeschreibliches Gefühl. Egal, wie sehr man hierher gelitten hat, spätestens hier oben auf dem Sportplatz ist alles vergessen. Auf den allerletzten Metern vor dem Ziel wartet A. Ein Begrüßungsknuddeln – soviel Zeit muss sein – dann ist es schon da, das Zieltor! Die Uhr bleibt bei irgendetwas mit 4:13, einer Pace von 05:58 stehen. Geil. Einfach nur Klasse. Ja, die Beine werden hier natürlich fest, nachdem ich mir meine Medaille abgeholt habe. Tanzen könnt ich auch grad nicht. Aber DAS war der entspannteste, schmerzärmste und trotzdem schnellste Marathon bisher. Schade, dass er vorbei ist. Kein Freund von großen Ansagen verkneif ich mir natürlich, dass die 4 Stunden schon lange als Ziel vor meinem Läuferauge rumschweben. Das könnt was werden. Im Herbst. In Frankfurt.

Kommentare

Rosa Elefanten habe ich zwar nicht gesehen, aber zum Staffellauf das gleiche Teilstück gemeistert. Hohlweg und Burgberg, was für tolle Abschnitte des Rennsteigs...auch mit Regen.

Klasse Lauf Nils, die Form wird immer besser und irgendwann wirst du die Königsetappe herbeisehnen, die ist dann auch nicht so schnell vorbei. Da kommste einfach mal mit ans längste Buffet der Welt - und nächstes Jahr mindestens schonmal mit ins abendliche Zelt. Für den ein oder anderen ist doch diese Party erst der Grund, jedes Jahr hierherzulaufen. Mit genügend Anlauf feiert sichs abends nochmal so gut!

Gruß

Dein lauffreund Silvio

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