Zum dritten Mal in Frankfurt

Der letzte Sonntag im Oktober - Marathon in Frankfurt! Dieses Jahr sollte auch ich wieder dabei sein. Vergangenes Jahr musste ich ja wegen Krankheit passen. Der Marathon in Frankfurt bietet hier glücklicherweise eine Umschreibung auf das folgende Jahr an, wenn man aus gesundheitlichen Gründen nicht starten kann. So kam es, dass wir vergangenen Sonntagfrüh um fünf ins Auto stiegen und uns auf den Weg nach Frankfurt machten. Endlich war es soweit, die letzten Tage und Wochen drehte sich beinahe jeder Gedanke um den Marathon, sicherlich bin ich auch damit manchem Familienmitglied oder Freund auf den Nerv gegangen.

Das der Start letztes Jahr ins Wasser gefallen ist, war ok für mich. Vor zwei Jahren habe ich in Frankfurt ab km 30 den Mann mit den Hammer gesehen. Kaum vernünftiges Training vorher, kaum Lange Läufe. Ab 30 km wird der Marathon ja im Kopf gelaufen. Kommen dann noch unerledigte Probleme in Beruf und Familie hinzu, kann man es eigentlich vergessen – so meine Erfahrung aus 2014. Die letzten 12 km waren eine einzige Qual…

Auch weil mir in 2015 keine rechte Vorbereitung gelang, kam eine Bronchitis ganz gelegen, weinte ich dem ausgefallenem Start in 2015 keine Träne nach.

Der Rennsonntag ließ sich gut an – Wetterbericht und Bodennebel verkündeten einen sonnigen Tag. Gegen acht waren wir in Frankfurt. Parkplatz am Rebstockgelände gesucht und gleich ging es weiter mit einem Shuttlebus auf das Messegelände. Bei der Startnummernausgabe ging es wie immer in Frankfurt – flüssig und ruhig – keine 10 Minuten nach Ankunft hatte ich meine Nummer und den Starterbeutel in den Händen. Draußen war es noch sehr kühl, da heute meine Wahl auf ein kurzes Shirt gefallen war, vertrieben wir uns die Zeit mit umziehen und Messebummel – hier war es wenigstens warm.

Kurz vor zehn – ich war schon lange rennfertig – gab es keine Ausreden mehr. So langsam musste ich raus in die Kälte und meinen Startblock aufsuchen. Der Marathon in Frankfurt wird heute das dritte Mal von mir gelaufen. Zusammen mit dem Rennsteigmarathon steht der hier in Frankfurt ganz weit oben auf meiner Liste. Die Stimmung hier ist einfach nur grandios. Der Moderator vom Hessischen Rundfunk, die großartige Kulisse, die Tausenden Läufer sorgen dafür, dass sich nun kurz nach dem Startschuss, der eine oder andere - auf oder neben der Laufstrecke verstohlen ein Tränchen wegwischt. Augenpipi sollte es heute übrigens noch einige Male geben….

Die ersten zehn Minuten nach dem Startschuss passiert wie immer – nichts. Irgendwann setzt sich die Masse in Bewegung – erst im Schritttempo, dann etwas schneller. Gleich verfallen wir ins Laufen. Da ist sie – die Zeitmatte im Startbogen. Mein Pips – ab geht er - der Peter. Mein zweiter Marathon dieses Jahr, der insgesamt neunte.

Wie immer gehen die ersten 1,2 km damit drauf, sich einzurichten. Sitzt alles? Gibt’s auch keine Falte im Laufhöschen? Sind die Schuhe gut gebunden? Sitzt die Frisur? Was sagt die Uhr? Die Uhr spinnt – die Fenix verkündet mir eine Pace von 04:30. Kann nicht sein, dass hat sich neulich ganz anders angefühlt. Am ersten Km-Schild bestätigt sich, dass die GPS-Uhren in Frankfurt immer ihre Probleme haben. Meine Fenix verkündet mir an km 1, dass ich jetzt schon 1,23km hinter mir habe. Tolle Differenz, so kann das nichts werden mit meiner geplanten Paceüberwachung. Hätte ich mir nur am Asics-Stand auf der Messe mein Paceband geholt. So muss ich nach jedem km rechnen. Meine Fenix sollte übrigens immer mehr Meter draufpacken. Im Ziel hatte die Uhr dann stolze 2 Kilometer mehr drauf. Gut dass ich mir eine Pace von 05:30 vorgenommen habe, das lässt sich wenigstens im Kopf rechnen. Was wäre, wenn 05:22 meine Strategie wären? Das kann ja kein Mensch rechnen.

Zeit, ein paar Worte zur Strategie zu verlieren. Weniger als 4 Stunden sollten es in der Festhalle sein. Nach meiner Absage letztes Jahr habe ich mir vorgenommen, dieses Jahr endlich mal die 4 Stunden zu knacken. Dafür habe ich eine Menge gemacht. Seit Januar habe ich einmal pro Woche Intervalle ins Training eingebaut – entweder auf der Laufstrecke oder als Tabata auf dem Crosstrainer oder dem Laufband. Dank unseres Hundes kamen viele hundert Gassikilometer zusammen. Im Frühjahr merkte ich, dass ich tatsächlich um einiges schneller geworden bin. Das die sub 4 in Frankfurt tatsächlich möglich ist, merkte ich beim Rennsteigmarathon, als ich hier mit 04:13 und knapp 700 Höhenmetern finishte. Im Sommer kam dann das erste Mal der Zehner in weniger als 50 Minuten dazu. Als ich mit Silvio dann den Rennsteig-Herbstlauf mit einer Pace von 05:05 finishte, wusste ich, dass die Vorbereitungen wohl ganz erfolgreich gelaufen waren. Um den Marathon in weniger als 4 Stunden zu beenden, reicht es konstant mit 05:40 durch zu laufen. Aber eigentlich kann ich ja schneller. Und eigentlich wäre ein kleines Zeitpolster auch nicht schlecht. 05:25 waren mir noch zu heiß. Ich entschied mich, mit einer Pace von 05:30 anzufangen und dann ab km 30 zu schauen, ob noch ein paar Körner da sind. Das das geht, habe ich in allen langen Läufen vorher getestet. Habe dort immer mit einer Pace von 06:00 angefangen und bin dann die letzten 10 km zwischen 05:10 und 05:25 gelaufen.

Wenn ich mich nur in Frankfurt auskennen würde… Ich könnte schreiben, wo ich lang gelaufen bin, wo welche Sehenswürdigkeit bei welchem km war. Aber das Landei in der Großstadt kann nur berichten, dass es viele, große Häuser gab, es an manchen Stellen mehrmals vorbei lief…

Die erste Verpflegungsstelle bei km 5 war erfolgreich – ich kann nicht im Laufen aus den Bechern trinken. Da ich mich aber heute so wenig wie möglich an Getränkestellen aufhalten wollte, griff ich mir immer zwei Becher und leerte die per Trinkhalm. Den hatte ich am Armband meiner Fenix klemmen.

Km 5: 5x05:30=27.30 Perfekt. Die Uhr zeigte irgendwas bei 27:20 an. Mittlerweile war ich auf Betriebstemperatur. Das leichte Ziehen von km 2 im linken Knie war weg. Die Schnürsenkel drückten nicht mehr. Die Wasserflasche habe ich schon vor 4 Kilometern verloren.

Km10: 10x05:30=55.00 Ich bin einiges zu schnell. Die Fenix zeigt hier zwar schon km10,6 an. Die Zeit, passt jedoch – ich bin bei 54 Minuten und ein paar Sekündchen. Wir laufen an der Uni vorbei. Auch hier klappt die Getränkeaufnahme mit dem Schlauch prima. Meine Schuhe sind verdammt rutschig, an den Getränkestellen ist es nass. Ich habe jetzt schon zum zweiten Mal fast eine „Else“ gedreht. In ein paar km, wenn es dann Gels gibt, wird das eine schöne Schlidderei geben.

Km 15: Eigentlich sollte mein Timer hier bei einer 5:30 eine 01:22:30 anzeigen, ich bin aber schon mehr als 2 Minuten vorher über die Matte bei  15 km gelaufen. Das war zügig. Ich muss mal bisschen runter vom Gas, nicht dass ich nachher alle Körner schon raus gehauen habe. Von der Uni her geht es bis runter zum Main bei km 13 immer leicht bergab. Die Wahnsinnsstimmung am ersten Staffelwechsel in der Schuhmacher-Straße hat ihr übriges getan. Beim Streckenfest in Sachsenhausen wummern die Bässe über die Straße, der Sprecher begrüßt den Nils von „lauffreund.de“ – yeah! Sowas beflügelt – hinterher in der Liste sehe ich, dass ich die letzten 5 km mit 05:11 gerannt bin. Also erstmal Gas weg, jetzt kommt die Kennedyallee. Hier wird es ruhiger am Straßenrand. Ich mag diesen Streckenteil, hier kann man sich ein wenig sortieren

Km 20: 20x05:30=01:50:00 Nach der Kennedyallee geht’s an der Galopprennbahn vorbei. Wir kommen nach Niederrad. Ich erkenne das wieder. Als wir heute Morgen hier über die A5 ankamen, hat es auch schon so merkwürdig nach Kohlrabi gerochen. Den km 20 passiere ich bei unter 01:47:00. Am zweiten Staffelwechsel steppt der Bär. Der Moderator gibt sein bestes. Hah! Vor zwei Jahren gab es hier die Resultate der Sieger  zu hören. Soweit sind wir heute noch nicht, ich bin halt ein ganzes Ende schneller unterwegs. So langsam sollte ich echt mal ein wenig bremsen. Die alten Probleme halt. Ich werde schon noch langsamer werden – hoffentlich hält der Nils das bis zum Ende so durch.

Am Schwanheimer Ufer – der Halbe ist mit irgendwas um die 01:52 Geschichte. An der Verpflegungsstelle geht es schmierig zu. Bananen und Wasser geben eine schöne Schlitterbahn. Ich mag keine Bananen beim Laufen. Deswegen habe ich ein paar Fruchtriegel und ein Säckchen Nüsse im Gepäck. Seit km 15 genehmige ich mir alle halbe Stunde einen Fruchtriegel. So werde ich bis 30 km kommen und hoffe dann die letzten 12 km noch ohne Verpflegung durchzuhalten. Alle 10 km  gibt’s noch eine Salztablette.

Für viele ist ja die Mainzer Landstraße DIE Horror-Strecke. Mir geht’s schon zu dritten Male ab km 25 so. Runter von der Schwanheimer Brücke geht es nach Hoechst. Bei km 26 kommen die Läufer auf der anderen Straßenseite entgegen, die schon knapp 2 km weiter sind. In der Innenstadt stört mich das nicht, hier habe ich jedes Mal damit ein Problem. Und wenn es dann noch in Hoechst um die Mittagszeit an Kneipen und Gaststätten vorbeigeht, findet der für mich unangenehmste Teil des Laufes statt. Die Zeit bei km 25 war gut, 4 Minuten schneller als bei 05:30er Pace und mehr als 8 Minuten schneller als für das Finish bei 4 Stunden nötig sind. Wer weiß, vielleicht werde ich die Zeit noch brauchen.

Mein Zeitpuffer nochmal zu brauchen, die Gelegenheit ist schneller da, als mir lieb ist. KM 28, mein Magen meldet sich. Klasse. Sicherheitshalber sollte ich mich gleich auf die Suche nach einem Dixie machen, nicht erst auf den allerletzten Drücker. Mein Dixiehopping ist erfolglos, an jedem prangt das „Besetzt“-Logo. Auch bei den nächsten anderen. Hier ist dann auch der letzte Staffelwechsel. Unter der S-Bahn-Brücke ist meine Unruhe im Magen verschwunden. Gut, hoffentlich bleibt das so bis ins Ziel.

30 km, es geht auf die Mainzer, 02:40 und ein bisschen. So langsam geht mir auf, das es heut mit den 4 Stunden klappen wird, wenn nicht noch schlimmes passiert. Ich könnte eigentlich  die restlichen 12 km mit einem 6er Schnitt beenden, ohne die sub4 zu gefährden. Da aber auch in Frankfurt ab und zu mal Pferde vor die Apotheke kotzen, bleibe ich meiner Pace von 05:30 treu. Es läuft immer noch gut. Ich bleibe an keiner Verpflegung stehen, nehme mein Wasser im Laufen. Salztablette, letzter Fruchtriegel, weiter geht’s. Mann, ich werde mit Sicherheit 33km in weniger als 3 Stunden im Sack haben… Wenn dann Publikum an der Strecke anfeuert, oder die passende Musik beim Streckenfest spielt, bekomme ich einen Kloß im Hals und wisch mir manchmal ein Tränchen weg.

Zu Hause sind einige am Rechner dabei – meine Fenix blendet alle einkommenden Nachrichten ein.

Kurz vor km 35, aus heiterem Himmel stehe ich am Straßenrand und kann erst mal nicht mehr weiter -  aus heiterem Himmel ein Krampf im linken Oberschenkel innen. Manchen Krämpfen kann man ja zusehen, wie sie kommen. Der hier kommt aus heiterem Himmel. Ich versuche grade das linke Bein wieder zu lockern, macht das rechte Bein auch noch zu. Ich stehe da, kann mich nicht rühren. Wenn mich einer anrempelt, falle ich um. Ein Streckenhelfer kommt auf mich zu und erklärt mir im breitesten hessisch, dass in 200 Metern um die Ecke eine Verpflegungsstelle ist und ich mir dort Cola und Gel holen soll. Er haut mir freundlich auf die Schulter und ist verschwunden. Ich humpel/hüpfe an die Verpflegung und hole mir ein Gel und eine Limo. Kein Cola. Noch eine Salztablette. Und mit einem Mal geht’s auch wieder. Also, jetzt erst mal deutlich reduziert und vorsichtig weiter. Meine Zwangspause macht sich natürlich bemerkbar. Für die letzten 5 km steht ein Schnitt von mehr als 6 Minuten zu Buche.  Ich habe noch fast 50 Minuten und nur noch 7 Kilometer, ich bin nicht wirklich beunruhigt. Locker trabe ich weiter.

Es geht durch das Europaviertel, bei km 36 an der Festhalle vorbei. Vor zwei Jahren ging es mir hier richtig dreckig. Heute ist das kein Vergleich. Ich merke, wie Krämpfe ins Bein kriechen wollen, kann sie aber jedesmal wieder weg drücken. Spätestens bei km 38 läuft es dann auch wieder rund. Je näher wir der Festhalle kommen, umso angegriffener bin ich. Na hoffentlich breche ich nachher nicht in Tränen aus. Und wenn schon, ein Läufer wird das verstehen.

So, 40 km,die Fressgass. Hier ist es superglatt. Das Streckenfest tobt und mein Chip lässt die Matte bei 03:38:50 piepsen. Meine Pace ist um einiges langsamer geworden, aber immerhin noch unter 05:40. Ein Finish unter 03:50 wird es – soweit kann ich noch rechnen – nicht mehr werden. Aber hej, ich wollte unter 4 Stunden und werde noch fast 10 Minuten schneller sein. Ich werde fast eine Stunde schneller im Ziel sein, als ich vor drei Jahren den ersten Marathon gelaufen bin. Ich bekomme ein Grinsen ins Gesicht, das die letzten 2 Kilometer nicht mehr weg gehen will.

42km. Hammering Man – die Strecke biegt ab zur Festhalle. Geil, endlich geschafft. Es hat sich gelohnt die letzten Monate. Am Eingangsportal in die Gudd Stubb bleibt neben mir eine Frau stehen, hält sich die Hände vor den Mund und heult einfach drauf los. Es ist aber auch ein genialer Zieleinlauf – Laser, Lichter, Beats, Cheerleader. Viele kommen mit Sicherheit nur wegen dem Einlauf jedes Mal wieder hier her. Ich lauf in die Halle ein, mir geht es so, wie der Läuferin eben. Das Ziel – yeah! Die Uhr bleibt bei unter 03:51 stehen.  Ja, endlich.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich bin rundum zufrieden, grinse breit. Beim Warten auf die Medaillen machen dann auch die Beine zu, wenn ich mich jetzt irgendwo hin setze, komme ich nicht wieder  hoch. Zielverpflegung ist Klasse. Außer einem Bier hole ich mir aber nichts. Mir ist mehr nach was richtig Fettigem. Einer Brezel. Oder einer Currywurst. Und noch einem Bier. Das gibt’s dann auf der Heimfahrt im Auto.

 

Mainbrücke
Vor dem Start
Vor dem Start
Gleich geschafft
Gleich geschafft

Kommentare

Was für ein toller Bericht zu deinem Erfolg, Glückwunsch nochmals! Auch ich hatte den Tracker an, ich wollte die Durchgangszeiten kaum glauben, die das stilisierte Männchen auf der Frankfurt-Karte da so abspulte.

Aus meiner Frankfurt Erfahrung konnte ich deine Gefühlswelt super nachvollziehen, von Straßentristesse, Asphalt-Gelglibber, über Sambastimmung bis zum roten Teppich, Kloß im Hals und Tränchen im Auge - Ja, das ist Frankfurt.

Deine läuferische Entwicklung macht den lauffreund.den Spaß, ich freu mich auf viele weitere km mit dir!

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